Es gibt Meldungen, da wird einem so richtig schwarz vor Augen. Und dann gibt es wieder andere Meldungen, bei denen es einem ganz schön hell vor Augen wird. Da geht auf einmal ein Licht auf, und urplötzlich lösen sich Gordische Knoten von allein.

So eine Meldung ist mir heute übern Weg gelaufen. Seit geraumer Zeit wird gern und oft von bildungsfernen Schichten und von Unterschicht geredet, und zwar vor allem von denjenigen, die seit Jahrzehnten sozialpolitisch für die Entstehung eben dieser Schichten gesorgt haben, und jetzt auf einmal merken: „So geht es nicht mehr weiter!“

Ein solcher sozialopolitischer Dr. Frankenstein ist der Gunnar Heinsohn. Erschrocken hat er die lange herbeigesehnte Massenarmut zur Kenntnis genommen. In einem geisttötend schwachsinnigen Gastbeitrag in der FAZ ist er zum Schluß gekommen, daß man Maßregeln verhängen muß, die Geburten verhindern sollen, damit die „Frauen der Unterschicht“  ihre Schwangerschaften nicht mehr „als Kapital ansehen“ (§ 6 I Nr. 4 Völkerstrafgesetzbuch nennt das „Völkermord“). Angehörigen des moralischen Prekariats wie Heinsohn bereiten auch die „bildungsfernen Schichten“, die einzigen, die ihm zufolge „eine demographische Zukunft“ haben (und später sogar gute Aussichten, in der FAZ zu gastieren) offenbar auch viele schlaflosen Nächte. Wenn aber sein Vorschlag, die Sozialhilfe künftig auf fünf Jahre zu begrenzen, Politik wird, wird auch das Problem aus der Welt geschafft. Unterernährung führt ja schließlich zu Fehlgeburten.

Ich hatte mich schon lange gefragt, ob Völkermord zur Lösung dieser Probleme wirklich nötig sei, als ich heute einen SPIEGEL-Artikel sah, in dem es um den Umgang der Hartz-IV-Behörden mit Schülern aus erwerbslosen Familien ging. Im Artikel wird über zwei typische Beispielfälle berichtet. Eine 16jährige aus dem Ruhrgebiet wird vom Jobcenter aufgefordert, ihre Schulzeugnisse vorzulegen. Unter Androhung existenzvernichtender Sanktionen (Hartz IV kennt schließlich keine anderen) wird sie aufgefordert, einen Ausbildungsplatz zu suchen, obwohl sie sich erfolgreich an der Berufsschule beworben hatte (Zielberuf: technische Mediengestalterin). Eine 16jährige aus Hessen mit einem Notendurchschnitt von 1,6 soll aufs Gymnasium verzichten und lieber über eine Ausbildung nachdenken. Man kann das irgendwie schon verstehen: Die Bundesagentur für Arbeit veranstaltet – extra für sie – die Messe der Hausmeister von morgen, und diese bücherfressenden Rabenmütter in spe wollen gar nicht hin. Welcher Undank!

Zur Doktrin der Hartz-IV-Behörden gehört offenbar, das Bildungsniveau der Kinder der ehemals Werktätigen auf ein Mindestmaß zu begrenzen. Schließlich würden berufliche oder gar universitäre Qualifikationen die verlangte Eingliederung in die aufregende Welt der Sanitärbereichsreinigungsfachkräfte und Haustiernebenproduktentfernungsspezialisten nur erschweren. Hat doch die von der Leyen gesagt, daß es besser ist, „aktiv zu sein“ und Scheiße wegzuräumen, als zu Hause rumzusitzen und irgendwelche blöden Bücher zu lesen. Und recht hat se – welche Relevanz könnten Marx und Luxemburg und wie die alle heißen für die Kinder heutiger Hartz-IV-Empfänger haben? Aber wirklich!

Und da mußte ich einfach wieder an den lieben Doppeldoktor Heinsohn denken. „Bildungsferne Schichten“ haben Hochkonjunktur, und die Sozialbehörden der Republik verlangen von SchülerInnen, sie sollen auf eine ihren Fähigkeiten und Zielen angemessene Bildung verzichten, um möglichst mit 16 schon putzen zu gehen. Da es nun mal der SPIEGEL ist, werden diese beiden Fäktchen miteinander nicht in Verbindung gebracht.