Neues vom Stammtischbroder

In seinem neuerlichen Beitrag im Online-Cerebrolytikum Achse des Guten („Israels kleine Helfer“) hat der von der NPD gefeierte Publizist Henryk M. Broder in einer Sache definitiv recht: Die Neue Rheinische Zeitung taugt nicht zum Einwickeln toter Fische. Da kann man ihm uneingeschränkt zustimmen. Die Achse des Guten eignet sich auch nicht zum Regenschutz.

In einem weiteren Punkt weiß ich mit dem Broder einig: Er hält seine Leser für Vollidioten, und ich kann mir kaum vorstellen, wer seine Hirnabgase sonst freiwillig einatmen würde. Getreu seinem Motto – „Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht?“ – langweilt er sein Publikum nicht mit irgendwelchen lästigen Tatsachen oder inhaltlichen Auseinandersetzungen. Stattdessen erfahren wir, daß die Friedensaktivistin Evelyn Hecht-Galinski eine „verzweifelte Hausfrau aus dem hinteren Kandertal“ ist und der neulich von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in den Landwehrkanal abgeworfene Norman Finkelstein „seinerseits eher die Behauptung hinnehmen würde, daß er ein schwerst gestörter Soziopath ist, als damit einverstanden wäre, Israel helfend unter die Arme zu greifen". Dann wird mal schnell das Thema gewechselt.

Vielleicht sieht Broder nur deshalb keinen Anlaß zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Thesen Finkelsteins, weil er diese bereits an anderer Stelle verdreht hat. So heißt es auf seiner Homepage:

„Was Finkelstein sagt, […] ist in seiner Simplizität genial . Erstens: Es gibt jüdische Eliten, die in der Lage sind, eine Verschwörung zu organisieren. Zweitens: Die Juden nutzen den Holocaust aus, um damit Geld zu machen. Drittens: Wenn es heute Antisemitismus gibt, so sind daran die Juden mit ihrem Verhalten schuld.“

Natürlich weiß jeder, der Die Holocaust-Industrie gelesen hat, daß diese Behauptungen zwar Broders neuesten Fans zugeschrieben werden können. Von Norman Finkelstein stammen sie jedenfalls nicht. Unter „jüdischen Eliten“ versteht Finkelstein nichts anderes als man unter „preußischen Eliten“, „russischen Eliten“ oder „japanischen Eliten“ versteht, also „Personen, die herausragende Stellungen im organisatorischen und kulturellen Leben des jüdischen Mainstreams innehaben" (Finkelstein, Die Holocaust-Industrie, Kap. 1 Fn. 1, Übersetzung von mir). „Die Juden“ tun bei Finkelstein natürlich gar nichts. Schließlich geht es ihm um konkrete Personen und Organisationen, die konkrete Dinge gesagt und getan haben. Von „Verschwörungen“ ist bei ihm auch keine Rede.

Wenn diese Behauptungen Broders (die auch von anderen plausibilitätsfernen Publizisten verbreitet werden) wahr wären, müßte man sich schon wundern, weshalb Finkelstein ausgerechnet vom Gründer der wissenschaftlichen Holocaustforschung und Autor des Standardwerks Die Vernichtung der europäischen Juden Raul Hilberg gelobt wird, während sich der Broder gezwungen sieht, die vom sächsischen NPD-Landesverband anzuflehen, sie mögen doch nicht so laut applaudieren.

Ich merke aber, daß ich wieder sachlich herangegangen bin. Das sollte ich mir dringend abgewöhnen. Tatsachen interessieren natürlich nur linksreaktionärfaschistische Gutmenschen, die Broders „erfrischende Überfremdungskritik“ „als ausländerfeindlich verteufeln“ (O-Ton NPD Sachsen). Dabei lehrt uns Broder, daß Kogitieren gleich Kapitulieren ist. Wir sollen doch nicht bei jeder Behauptung erst mal fragen, ob sie auch stimmt. Wir sollen einfach glauben. Das ist der wahre Geist der Aufklärung. Deswegen hat men beim Lesen mitunter das Gefühl, Broders Texteproduktion sei eigentlich eine Strafmaßnahme für Menschen, die irgendetwas wissen – das ist sie nämlich auch!

1 comment so far ↓

#1 Mondoprinte on 05.04.10 at 09:32

Dass Broder von der NPD Applaus erhält, wundert mich nicht wirklich, dass ein Norman Finkelstein sich von Broders Gesinnungsgenossen (Benjamin Krüger etc.) vorwerfen lassen muss, er werde von Antisemiten positiv gesehen, wundert mich auch nicht, aber es ist alles so verdammtverdammt heuchlerisch…

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